Magazin Nachhaltigkeit

Der Pool bleibt warm. Die Verantwortung bleibt beim Hotelier.

Armin Gross macht sein Hotel im Allgäu seit 20 Jahren nachhaltiger, ohne dass Gäste auf Komfort verzichten müssen.

Fünf Handwerker sitzen auf dem First des neu eingedeckten Hoteldachs und blicken auf verschneite Allgäuer Berge
Pause auf dem Dach: Handwerker bei der Dachsanierung des Hotels Prinz-Luitpold-Bad, im Hintergrund die Allgäuer Alpen. Foto: © Hotel Prinz-Luitpold-Bad
Das Wichtigste in Kürze
  • Armin Gross macht das Hotel Prinz-Luitpold-Bad in Bad Hindelang im Allgäu seit rund 20 Jahren Schritt für Schritt nachhaltiger.
  • Auslöser war 2006 ein Betriebsvergleich: Gemessen am Umsatz hatte sein Hotel die höchsten Energiekosten.
  • Gäste sollen auf nichts verzichten. Verändert wird hinter den Kulissen, etwa mit Dachsanierung, besserer Dämmung und Photovoltaik.
  • Zusätzliche Buchungen bringt das Engagement kaum. Seit den neuen Regeln gegen Greenwashing wirbt das Hotel nicht mehr mit Klimaneutralität.

Seit 20 Jahren beschäftigt sich Armin Gross mit der Frage, wie sein Hotel Prinz-Luitpold-Bad im Allgäu nachhaltiger werden kann. Trotzdem erwartet die Gäste ein beheizter Außenpool, ein reichhaltiges Frühstücksbuffet und der gewohnte Komfort. Gross setzt nicht auf Verzicht, sondern auf Veränderungen hinter den Kulissen. Dabei spricht er erstaunlich offen darüber, was funktioniert, was Widerstände auslöst und warum sich das alles kaum in zusätzlichen Buchungen niederschlägt.

Wer im Hotel Prinz-Luitpold-Bad in Bad Hindelang Urlaub macht, soll sich vor allem eines: erholen. Der Außenpool ist beheizt, die Zimmer sind angenehm warm und beim Frühstück müssen die Gäste nicht auf eine große Auswahl verzichten. Selbst tropische Früchte gehören weiterhin zum Angebot. Das klingt zunächst nicht nach einem Hotel, das sich seit rund zwei Jahrzehnten intensiv mit Nachhaltigkeit beschäftigt. Doch genau darin liegt der Ansatz von Armin Gross. Er möchte den Ressourcenverbrauch seines Hauses reduzieren, ohne seinen Gästen ständig vor Augen zu führen, welche Anstrengungen dafür notwendig sind.

Nachhaltigkeit soll für sie möglichst „mühelos“ sein, erklärt er im Gespräch mit eingecheckt. Ein Gast, der für eine erholsame Auszeit bezahlt, soll nicht vor die Wahl zwischen Urlaubsgenuss und Umweltbewusstsein gestellt werden. Gross sieht es vielmehr als seine Aufgabe als Hotelier, beides miteinander zu vereinbaren. Dass dieser Anspruch gerade in einem Wellnesshotel mit beheizten Wasserflächen und entsprechend hohem Energiebedarf nicht leicht einzulösen ist, weiß er aus eigener Erfahrung.

„Nachhaltigkeit ist schon gut und recht, aber mühelos wäre schön.“ – Armin Gross

Am Anfang stand eine unangenehme Zahl

Als Armin Gross 2006 in das Hotel seiner Eltern einstieg, stand der Betrieb vor erheblichen Herausforderungen. Veränderungen im Gesundheitswesen hatten dem Haus wirtschaftlich zugesetzt, gleichzeitig waren Investitionen notwendig. Der junge Hotelier musste sich also ohnehin intensiv mit Kosten, Abläufen und der Zukunftsfähigkeit des Betriebs auseinandersetzen. Eine Erfahrung aus dieser Zeit sollte seine weitere Arbeit besonders prägen.

Bei einem Treffen mit anderen Hoteliers wurden die betriebswirtschaftlichen Auswertungen miteinander verglichen. Dabei stellte Gross fest, dass sein Hotel gemessen am Umsatz die höchsten Energiekosten hatte. Es war eine Erkenntnis, die zwei Themen zusammenbrachte, die ihn bis dahin unabhängig voneinander beschäftigt hatten: sein Interesse am Umweltschutz und die wirtschaftliche Verantwortung für den Familienbetrieb.

Plötzlich war der sparsamere Umgang mit Energie nicht mehr nur eine Frage persönlicher Überzeugung. Er wurde zu einer konkreten unternehmerischen Aufgabe. Gross begann, sich intensiver mit dem Energieverbrauch des Hotels zu beschäftigen, Berater hinzuzuziehen und nach Möglichkeiten zu suchen, bestehende Anlagen und Abläufe zu verbessern. Eine schnelle Lösung gab es nicht. Dafür waren die Herausforderungen zu umfangreich und die verfügbaren Mittel begrenzt.

„Ich kann keine Riesenschritte gehen, also muss ich kleine Schritte gehen“, beschreibt er seinen damaligen Ansatz. Aus diesem Gedanken entwickelte sich eine Arbeitsweise, an der er bis heute festhält: kontinuierlich investieren, Maßnahmen miteinander verbinden und immer wieder prüfen, welche Verbesserung mit welchem finanziellen Aufwand möglich ist.

Warum ein neues Dach mehr bewirken kann als eine große Vision

Ein Projekt, das Gross besonders zufrieden macht, ist die Photovoltaikanlage auf dem Hoteldach. Allerdings war die Anlage nicht der Ausgangspunkt der Überlegungen. Zunächst musste das alte Dach saniert werden. Gross nutzte diese ohnehin notwendige Investition, um gleichzeitig die Dämmung zu verbessern und eine Möglichkeit zur eigenen Stromerzeugung zu schaffen. Aus einer baulichen Notwendigkeit wurde damit eine Gelegenheit, den Energiebedarf des Hotels langfristig zu beeinflussen.

Photovoltaikmodule auf dem roten Dach des Hotels Prinz-Luitpold-Bad, dahinter ein Dorf mit Kirchturm im grünen Tal von Bad Hindelang
Die Photovoltaikanlage auf dem sanierten Hoteldach, mit Blick ins Tal von Bad Hindelang. Foto: © Hotel Prinz-Luitpold-Bad

Solche Zusammenhänge spielen in seiner Nachhaltigkeitsstrategie eine zentrale Rolle. Gross betrachtet ein Hotel nicht als Ansammlung einzelner technischer Anlagen, sondern als System, in dem viele Entscheidungen voneinander abhängen. Eine effizientere Heizung bringt beispielsweise weniger, wenn die Gebäudehülle unnötig viel Wärme verliert. Umgekehrt kann eine anstehende Sanierung Möglichkeiten eröffnen, die sich bei einer isolierten Betrachtung der Kosten kaum ergeben würden.

Dabei vermeidet Gross große Erfolgsversprechen. Wie viel Energie eine einzelne Maßnahme tatsächlich einspart, lässt sich nach seiner Erfahrung nicht immer eindeutig ermitteln. Die Auslastung des Hauses verändert sich, ebenso das Wetter und zahlreiche andere Einflussfaktoren. Statt sich auf eine besonders beeindruckende Einsparzahl zu konzentrieren, setzt er auf regelmäßige Energieberatung und viele aufeinander abgestimmte Verbesserungen.

Inzwischen geht sein Verständnis von Nachhaltigkeit deutlich über den Energieverbrauch hinaus. Seit etwa 2021 beschäftigt er sich systematisch mit den 17 Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen. Dazu gehören neben ökologischen Aspekten auch soziale und wirtschaftliche Fragen. Für Gross ist Nachhaltigkeit längst Teil der gesamten Unternehmensführung geworden, nicht nur ein zusätzliches Projekt der Haustechnik.

„Man muss das Hotel als System betrachten und nicht blind Einzelmaßnahmen umsetzen.“ – Armin Gross

Was Gäste und Mitarbeiter davon halten

Ob sich dieses Engagement auf die Buchungszahlen auswirkt, beantwortet Gross überraschend nüchtern. Nur wenige Gäste entscheiden sich seiner Wahrnehmung nach ausdrücklich wegen der Nachhaltigkeitsmaßnahmen für das Hotel Prinz-Luitpold-Bad. Einen spürbaren Marketingeffekt kann er daraus jedenfalls nicht ableiten. Dabei wäre es durchaus nachvollziehbar, diesen Nutzen zu suchen: Nachhaltigkeit ist in der Hotellerie längst auch ein Verkaufsargument geworden. Zertifizierungen, Umweltberichte und Hinweise auf Buchungsplattformen sollen zeigen, dass ein Betrieb verantwortungsvoll handelt.

Gross betrachtet die Sache anders. Er möchte sein Hotel nachhaltiger führen, weil er es für richtig hält – unabhängig davon, ob ihm die entsprechenden Maßnahmen zusätzliche Gäste bringen. Gleichzeitig bleibt er Unternehmer und muss darauf achten, dass sich Investitionen wirtschaftlich vertreten lassen. Sein Ansatz verbindet deshalb persönliche Überzeugung mit einer ausgesprochen pragmatischen Kostenbetrachtung.

„Wir machen es, weil es richtig ist.“ – Armin Gross

Auch im eigenen Team stößt das Thema nicht überall auf Begeisterung. Die Mitarbeitenden setzen die notwendigen Veränderungen grundsätzlich um, beschäftigen sich aber nicht zwangsläufig mit derselben Leidenschaft damit wie Gross. Besonders engagiert sei sein technischer Leiter. Die Einführung einer intelligenten Heizungssteuerung von Betterspace beispielsweise wurde jedoch keineswegs von allen begeistert aufgenommen.

Gerade diese Offenheit macht seine Erfahrungen für andere Hotelbetriebe interessant. Neue Technik mag auf dem Papier sinnvoll sein, muss im Arbeitsalltag aber auch von den Menschen akzeptiert werden, die mit ihr umgehen. Nachhaltige Unternehmensführung bedeutet deshalb nicht nur, technische Lösungen zu finden. Es geht ebenso darum, Gewohnheiten zu verändern, Abläufe anzupassen und Entscheidungen zu vertreten, deren Nutzen nicht für jeden Mitarbeiter sofort erkennbar ist.

Wenn gute Absichten plötzlich schwerer zu kommunizieren sind

Ein Thema beschäftigt Armin Gross derzeit besonders: die strengeren gesetzlichen Vorgaben für Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen. Seit dem 27. September 2026 gelten in Deutschland die neuen Regeln zur Umsetzung der europäischen EmpCo-Richtlinie. Sie sollen Verbraucher vor irreführenden Umweltversprechen schützen und schränken unter anderem bestimmte Klimaneutralitätsaussagen ein, die allein auf der Kompensation von Emissionen beruhen.¹ ²

Grundsätzlich begrüßt Gross, dass gegen Greenwashing vorgegangen wird. Schließlich beschäftigt er sich selbst seit vielen Jahren mit konkreten Maßnahmen und weiß, wie viel Aufwand hinter tatsächlichen Veränderungen stecken kann. Dennoch sieht er eine mögliche unerwünschte Folge der neuen Vorschriften. Sein Hotel unterstützt weiterhin Klimaschutzprojekte, um Emissionen rechnerisch auszugleichen. Früher wurde dieses Engagement auch mit einer Klimaneutralitätsaussage beworben. Darauf verzichtet das Haus inzwischen.

Gross befürchtet, dass manche Unternehmen ihre freiwilligen Ausgleichszahlungen einstellen könnten, wenn sie den damit verbundenen Werbevorteil verlieren. Es ist eine Überlegung, die über sein eigenes Hotel hinausreicht: Kann eine strengere Regulierung von Umweltwerbung dazu führen, dass einzelne Betriebe weniger in freiwillige Klimaschutzprojekte investieren? Ob dieser Effekt tatsächlich eintritt, lässt sich aus seiner Erfahrung allein nicht beantworten. Seine Sorge zeigt aber, wie unterschiedlich sich neue Vorschriften auf die Entscheidungen von Unternehmen auswirken können.

„Die Hauptsache ist, dass wir sozusagen netto vorankommen.“ – Armin Gross

Dabei ist die rechtliche Unterscheidung wichtig. Die Unterstützung von Klimaschutzprojekten bleibt erlaubt, ebenso eine sachliche und zutreffende Kommunikation darüber. Unzulässig sind insbesondere bestimmte Aussagen, die ein Produkt oder eine Dienstleistung allein aufgrund von Emissionskompensation als klimaneutral darstellen.¹ ² Für Hoteliers wird es damit wichtiger, die tatsächliche Reduzierung von Emissionen im eigenen Betrieb und freiwillige Klimaschutzbeiträge außerhalb des Unternehmens klar voneinander zu unterscheiden.

Warum es ihm um mehr geht als um Energiekosten

Bei allen betriebswirtschaftlichen Überlegungen hat das Engagement von Armin Gross auch eine persönliche Seite. Für seinen Masterabschluss hat er in Australien studiert und damit eine Region kennengelernt, die sich landschaftlich und kulturell deutlich von seiner Heimat unterscheidet. Seine Verbundenheit mit dem Allgäu ist geblieben. Er möchte dazu beitragen, dass die Region auch für kommende Generationen ihren besonderen Charakter behält.

Dabei denkt er nicht ausschließlich an die Landschaft, die Urlauber auf Wanderungen oder vom Hotelbalkon aus genießen. Gross spricht auch von den landwirtschaftlichen Betrieben, die das Allgäu prägen und deren wirtschaftliche Zukunft eng mit dem Erhalt dieser Kulturlandschaft verbunden ist. Er wünscht sich, dass sich die Region auch künftig „ein wenig nach heiler Welt anfühlen“ kann.

Für einen Hotelier in Bad Hindelang ist das keineswegs nur eine romantische Vorstellung. Die Umgebung gehört wesentlich zu dem, was Gäste an einem Urlaub im Allgäu schätzen. Wenn sich Landschaft, Landwirtschaft und regionale Lebensweise verändern, betrifft das langfristig auch den Tourismus. Für Gross hängen die Verantwortung gegenüber seiner Heimat und die Zukunftsfähigkeit seines Hotels deshalb zusammen.

Zwanzig Jahre – und noch lange nicht fertig

Seit dem Betriebsvergleich von 2006 sind rund 20 Jahre vergangen. Die damalige Erkenntnis über die ungewöhnlich hohen Energiekosten hat bei Armin Gross einen Prozess ausgelöst, der bis heute andauert. Sein Hotel hat sich verändert, neue Technik ist hinzugekommen, bestehende Gebäude wurden verbessert und das Thema Nachhaltigkeit hat einen festen Platz in seinen unternehmerischen Entscheidungen gefunden. Einen Zustand, in dem sämtliche Möglichkeiten ausgeschöpft wären, sieht er offenbar nicht.

Anderen Hoteliers rät er deshalb vor allem, überhaupt anzufangen. Nicht jede Maßnahme muss groß sein, nicht jede Investition lässt sich sofort umsetzen. Entscheidend sei, dranzubleiben, sich fachlich beraten zu lassen und die verfügbaren Mittel dort einzusetzen, wo sie möglichst viel bewirken. Gerade für kleinere und familiengeführte Häuser dürfte das eine nachvollziehbare Herangehensweise sein, denn sie können Investitionen selten unabhängig von ihrer wirtschaftlichen Situation betrachten.

Und die Gäste? Die dürfen im Hotel Prinz-Luitpold-Bad weiterhin im warmen Außenpool schwimmen, sich am Frühstücksbuffet bedienen und ihre Auszeit im Allgäu genießen. Für Armin Gross ist das kein Widerspruch zu seinem Engagement. Sein Ziel ist nicht, den Gästen möglichst viel wegzunehmen, sondern den Betrieb hinter diesen Angeboten schrittweise verantwortungsvoller zu gestalten.

Vielleicht beschreibt genau das seine Haltung am besten: Der Gast soll seinen Urlaub genießen. Um die Veränderungen im Hintergrund kümmert sich der Hotelier.

Quellen

Dieser Artikel basiert auf einem schriftlichen Interview mit Armin Gross vom Hotel Prinz-Luitpold-Bad sowie ergänzender redaktioneller Recherche.

  1. IHK zu Leipzig (2026)
    Regelungen gegen Greenwashing: EmpCo-Richtlinie
    Informationsseite, abgerufen am 15. Oktober 2026. Überblick über die neuen Regeln für Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen.
  2. Europäische Union (2024)
    Richtlinie (EU) 2024/825 zur Stärkung der Verbraucher für den ökologischen Wandel
    Amtsblatt der Europäischen Union, 6. März 2024. Vorgaben gegen irreführende Umweltaussagen, darunter Klimaneutralitätsaussagen auf Grundlage von Emissionskompensation.
Eigene redaktionelle Quelle: Schriftliches Interview mit Armin Gross, Geschäftsführer des Hotels Prinz-Luitpold-Bad, Oktober 2026.